Unwort des Jahres: Lügenpresse

Deutschland. Heute Vormittag wurde das Unwort des Jahres 2014 verkündet. Es lautet „Lügenpresse“.

Die Aktion „Unwort des Jahres“ lenkt den sprachkritischen Blick auf Wörter und Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, welche gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen. Hierzu gehören beispielsweise Begriffe, die gegen die Menschenwürde oder demokratische Prinzipien verstoßen, einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder euphemistischer, verschleiernder oder irreführender Natur sind. Wesenlich ist dabei die öffentliche Äußerung der Begrifflichkeiten. Zudem müssen sie einen bekannten Äußerungskontext und eine gewisse Aktualität aufweisen. Keine Rolle hingegen spielt die Anzahl an Unterstützenden eines Vorschlags.

Unwort des Jahres 2014: "Lügenpresse". Von der Jury gerügt werden "Erweiterte Verhörmethoden" und "Russland-Versteher".

Unwort des Jahres 2014: „Lügenpresse“. Von der Jury gerügt werden „Erweiterte Verhörmethoden“ und „Russland-Versteher“.

Weiterhin kann jede/r Bürger/in schriftlich und unter Angabe einer Quelle Vorschläge einsenden. Frist ist dabei der 31.12. eines Jahres. Die Auswahl erfolgt schließlich Mitte Januar durch eine sechsköpfige Jury (vier SprachwissenschaflerInnen, ein Journalist und ein jährlich wechselndes Mitglied aus dem Bereich des Kultur- und Medienbetriebs).

Zunächst zur Statistik der Einsendungen zum Unwort des Jahres. Für das Jahr 2014 wurden 733 verschiedene Wörter eingeschickt.
Die Jury erhielt insgesamt 1246 Einsendungen. Die häufigsten Einsendungen (je über 10 Einsendungen), die den Kriterien der Jury entsprechen, waren

  • „Putin-Versteher“ / „Russland-Versteher“ (zusammen 60-mal)
  • „PEGIDA“ /“Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“ (44-mal)
  • „Social Freezing“ (29-mal)
  • „tierische Veredelung“ / „Veredelungsindustrie“ / „Veredelungswirtschaft“ (in allen Varianten zusammen 25-mal) und
  • „Gutmensch“ / „Gutmenschentum“ (zusammen 15-mal).

Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftlern Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und Journalisten Stephan Hebel. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr die Autorin, Moderatorin und Journalistin Christine Westermann (www.christine-westermann.de) beteiligt.

Unwort des Jahres: Lügenpresse

Das Wort „Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Gerade die Tatsache, dass diese sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen.
Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist. Der Ausdruck wurde in dieser Form siebenmal eingesendet.

Gerügte Worte

Erweiterte Verhörmethoden
Aktuell geworden durch den CIA Bericht 2014, hat sich der Begriff „erweiterte Verhörmethoden“ in der Berichterstattung zu einem dramatisch verharmlosenden Terminus Technicus entwickelt.
Der Ausdruck ist ein Euphemismus, der unmenschliches Handeln, nämlich Folter, legitimieren soll. Auch wenn er in deutschen Medientexten in distanzierenden Anführungszeichen steht, dient er letztlich dazu, das in seiner Bedeutung sehr klare Wort „Folter“ zu umgehen. Dass man sich die Sprache der Täter mit dieser Übernahme zu eigen macht und damit akzeptiert, ist bedauerlich. Der Ausdruck wurde in dieser Form fünfmal eingesendet.

Russland-Versteher
Zum Unwort wird dieser in der aktuellen außenpolitischen Debatte gebrauchte Ausdruck vor allem, weil er das positive Wort „verstehen“ diffamierend verwendet (und zwar ohne die Ironie, wie sie beispielsweise hinter der analogen Bildung des „Frauen-Verstehers“ steht). Wie Erhard Eppler im in seinem kritischen Essay „Wir reaktionären Versteher“ (Spiegel 18/2014 vom 28.04.2014) darlegt, sollte das Bemühen, fremde Gesellschaften und Kulturen zu verstehen, Grundlage einer jeden Außenpolitik sein, weil die Alternative nur Hass sein kann. Eine fremde Perspektive zu verstehen, bedeutet keinesfalls, damit zugleich Verständnis für daraus resultierende (politische) Handlungen zu haben. Andere polemisierend als „Versteher“ zu kritisieren, ist damit unsachlich und kann die inhaltliche Diskussion nicht ersetzen. Ein ganzes Volk zudem pauschal für eine politische Richtung haftbar zu machen und es mit dem Ausdruck „Putin-Versteher“ auf einen Autokraten zu reduzieren, zeugt von mangelnder Sprachreflexion oder aber gezielter Diffamierung. Der Ausdruck wurde in dieser Form sechsmal eingesendet.

Nicolas Keckl

Dipl.-Ing. (TUM) Nicolas Keckl ist Gründungsmitglied von neumagg.net. Er arbeitet hauptberuflich als Vermessungsingenieur in einem Freisinger Büro. Sein Studium vertiefte er im Bereich Erdmessung und Satellitengeodäsie.

Das könnte Dich auch interessieren …

1 Antwort

  1. 1. Februar 2015

    […] zu vergessen ist auch die Bekanntgabe des Unwort des Jahres 2014: […]