Problemfall Innenstadt

Neumarkt. Im Laufe dieser Woche sorgten drei Meldungen für angeregte Diskussion auf der sozialen Plattform „Facebook“. Thema war in allen drei Runden die Neumarkter Innenstadt. Ein Kommentar von Nicolas Keckl.

Thema 1: Ladenöffnungszeiten

Am Dienstag fragte das „Neumarkter Tagblatt“ auf seiner Facebook-Seite, wie zufrieden die Neumarkter mit den Öffnungszeiten der Läden in der Innenstadt seien. Die Reaktionen reichen von „Ich finds oke so. Bis abends um 10 shoppen gehn is doch unnötig…“ über „Mir passt es so !  🙂 Man muss ja auch mal an die armen Verkäuferinnen denken …. 🙂 “ bis zu „..hhhmmm nicht wirklich … ich finde die schließen zu früh an Samstagen …. drum fahr ich dann lieber nach Regensburg zum Einkaufen.. schade!! 😥 „.

Meiner Meinung nach sind beide Argumentationen durchaus verständlich. Wenn man sich andere Städte vergleichbarer Größe, z.B. Passau, ansieht wird man schnell feststellen, dass es dort auch nicht anders ist. Selbst in München öffnen manche Läden erst um zehn oder elf Uhr und schließen bereits um 18 oder 19 Uhr. Allerdings haben die Läden auch samstags diese Öffnungszeiten. Daher ist der Einwand der Autorin, die Läden schließen samstags zu früh, durchaus berechtigt.

Die „armen Verkäuferinnen“ (übrigens auch Verkäufer) arbeiten, aus eigener Erfahrung, im Schichtdienst; keine/r wird an sechs Tagen in der Woche von acht bis 22 Uhr am Tresen stehen. Zudem gibt es für die Arbeitszeit ab 20 Uhr einen durchaus nicht unerheblichen Zuschlag, der im Regelfall steuer- und sozialversicherungsfrei ist. Schließlich gibt es auch noch die „armen“ Angestellten, die oft bis weit nach 20 Uhr in ihren Büros sitzen und somit keine Möglichkeit zum Einkauf haben – wenn dies auch ein geringer Anteil aller Arbeitenden ist.

Thema 2: Die Semmeltaste

Seit Mitte dieser Woche kann in der Marktstraße 20 Minuten kostenlos geparkt werden. Mit Einführung der sog. „Semmeltaste“ können kleine Besorgungen künftig ohne Parkgebühren erledigt werden. Nahezu ausschließlich positives Feedback zu dieser Thematik gab es auf der Facebookseite des „Neumarkter Tagblatt“ zu lesen. Nur wenige User reagierten mit Aussagen wie „Bloß keinen Meter zu weit gehen, gell? Warum macht man das Parkhaus in der Rosengasse nicht gleich zu?!“ oder „Es kommt leider 10 Jahre zu spät die Stadt ist ja fast ausgestorben!„. Manche Leute prangerten auch den einfachen Missbrauch der Funktion an.

Sicherlich bietet die Semmeltaste Vorteile für die (potenziellen) Kunden der Innenstadtgeschäfte. Auch ich begrüße die Neuerung, da sie längst überfällig ist. Doch sollte man auch an mögliche Nachteile denken: Ist das System sicher vor den Leuten, die dort alle 20 Minuten ein neues Semmelticket lösen? Bilden sich nicht endlose Autokolonnen, die nach einem kostenlosen Kurzparkplatz direkt vor dem Geschäft Ausschau halten, nur um die paar Meter vom Parkhaus in die Stadt einzusparen? Sinkt die Auslastung der Parkhäuser und/oder Parkplätze außerhalb der Innenstadt?

Jedoch überwiegen auch für mich die Vorteile der Kurzparkmöglichkeiten; seit Jahren gibt es die Kurzparkzone bereits an der Postfiliale in der Bahnhofstraße. Zwar reichen die dortigen zehn Minuten in der Regel nicht für einen Postbesuch, aber dafür kann die Stadt Neumarkt ja nichts.

Thema 3: Wöhrl zieht in den Neuen Markt

Am Freitag gab das Modehaus Wöhrl bekannt, im Herbst 2015 in den „Neuen Markt“ einzuziehen und dafür das Geschäftshaus am Oberen Markt zu schließen. Sofort kam der Aufschrei auf allen Kanälen. So auch auf der Seite des „Neumarkter Tagblatt“: „Für den Neuen Markt eine sehr gute Nachricht. Wenn dafür allerdings das Geschäft am Oberen Markt geschlossen wird, ist das eine weiteres Anzeigen dafür, dass der Neue Markt dafür sorgen wird, dass die Innenstadt ausblutet.„, schreibt ein User. Ein anderer antwortet prompt: „Die Innenstadt ist bereits seit Jahren ausgeblutet.„. Der Tenor der übrigen Aussagen ist ähnlich, wenn auch nicht so dramatisch. Andere vermuten eine Art Verschwörung gegen die Altstadt wie „Und der Müller wird folgen… Nur das kann man jetzt noch nicht sagen so vor Weihnachten… Ein weiterer großer Verlust… Aber Neumarkt wollte das so es gab ja einen Bürgerentscheid… Und die jetzt jammern hätten wählen gehn sollen… Ich war übrigens gegen den Neuen Markt. Weil solche Projekte immer die Innenstadt kaputt machen… Und ich finde Neumarkt hat ne schöne Stadt… Hätte man lieber das Geld für die Sanierung der Straße hinter der Bäckerei Dürring hergenommen dann wäre es besser angelegt gewesen…„.

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass die Konkurrenz jenseits des unteren Tores wohl Kundschaft anziehen wird, das ist ja der Sinn eines Einkaufszentrums. Studien vor Baubeginn haben diese Wunderbotschaft verkündet. Doch sollte man zum einen nicht den Teufel an die Wand malen, zum anderen aber auch nicht die Augen vor der Untätigkeit der Innenstadt verschließen.

Meinung zur allgemeinen Entwicklung der Altstadt

Ganz unschuldig an der Entwicklung sind die dortigen Anwohner und Geschäftsleute an dieser Entwicklung nämlich nicht, wie ich finde. Die oben angesprochenen Ladenöffnungszeiten sind dabei nur ein kleiner Stein im Puzzle. Jahrelang wurde nichts unternommen um Kunden zu binden. Gehsteige wurden im Winter so geräumt, dass die Kundschaft, die einen Parkplatz auf der Marktstraße ergattern konnte zunächst über Schneeberge klettern durfte.
Kartenzahlung ab einem Mindestumsatz von 20 Euro oder mehr ist auch eine nicht unbedingt kundenfreundliche Art der Umsatzsteigerung. Hinzu kommt, dass man in manchen Läden erst überrumpelt wird und dann aber nicht einmal mehr aus den Augenwinkeln angesehen wird, wenn man „sich nur umsieht“.
Die Anwohner spielen eine weitere große Rolle: Lärmgeplagt setzen sie durch, dass Feste und Aktionen am liebsten schon um 22 Uhr zu Ende sind. Wenigstens das Altstadtfest hat eine Gnadenzeit erhalten. Meiner Meinung nach ziehe ich dann in die Altstadt, das Herz Neumarkts, wenn ich am Leben teilhaben möchte. Und ganz ehrlich: Die paar Tage im Jahr, an denen nach 19 Uhr in der Innenstadt mehr Leute als die Angestellten auf ihrem Feierabendweg unterwegs sind, kann man an einer Hand abzählen.

Ganz klar möchte ich mich zur Altstadt als altes und neues Herz unserer Stadt bekennen; sonntags eisschleckend die Sonne am Brunnen vorm Rathaus zu genießen geht eben nur dort. Zudem spielen Kindheitserinnerungen auch eine nicht unwesentliche Rolle für mich. Dennoch glaube ich an eine Zukunft mit Wandel und einem guten Nebeneinander von Altstadt und Neuem Markt. Wenn beide Seiten an einem Strang ziehen, und zwar in die gleiche Richtung, können fabelhafte Synergieeffekte erzielt werden. In Passau jedenfalls merkt man keine Feindseligkeit zwischen der einen und der anderen Seite des Ludwigsplatzes (vgl. hierzu die Karte unten, die die dortige Situatuion demonstriert).

Über den Tellerrand geblickt: Die Situation in Passau

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Nicolas Keckl

Dipl.-Ing. (TUM) Nicolas Keckl ist Gründungsmitglied von neumagg.net. Er arbeitet hauptberuflich als Vermessungsingenieur in einem Freisinger Büro. Sein Studium vertiefte er im Bereich Erdmessung und Satellitengeodäsie.